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Seien wir impe-realistisch!

616 888 Elisabeth Karsten

Ich gestehe, ich mag Halloween nicht und schon gar nicht, dass es den Charakter unserer eigenen Traditionen verändert und irgendwie auslöscht.

Die amerikanische Variante von Halloween erlebte ich schon in meiner eigenen Kindheit in Deutschland. In den amerikanischen Armeestützpunkten um Stuttgart herum wurde diese Tradition gepflegt und ich durfte mitgehen. Verkleidet als kleine deutsche Hexe. Nicht mit dem absurden schwarzen Hut, sondern natürlich mit Kopftuch und Reisigbesen…

Süßzeug ohne Ende

Ich fand es damals natürlich cool, so viele – sonst für mich unerhältliche Süßigkeiten – zu sammeln. Hershey Schokoladenriegel, Butterfingerkaramellriegel und Reese-Konfekt. Die Poptörtchen empfand ich allerdings Klebstoff näher, als einem Nahrungsmittel. Aber so richtig toll fand ich das mit dem Erschrecken müssen anderer mit „Trick or‘ Treat“ nicht.  Irgendwie hat das was Erpresserisches. Und ich dachte, dass das ein Grund ist, warum unter den Süßigkeiten – berechtigterweise – auch oft merkwürdiger Schrott war, den meine Eltern dann aussortierten: z.B. kleine Plastikpanzer usw…

Als wir ein paar Jahre später nach Bonn zogen machte ich dann mit einer, für mich, viel netteren und schönere Tradition Bekanntschaft. Im Gegensatz zum protestantischen Stuttgart wird im katholischen Rheinland am 11.11 (neben dem Beginn der Karnevalssaison) auch der Namenstag des Heiligen Martins von Tours gefeiert. Die Heiligenlegenden und Lieder über ihn ranken sich vor allem um seinen Edelmut. Er half armen Menschen und teilte immer alles, was er besaß. Vor allem schnitt er mit seinem Schwert mal seinen Ritterumhang in zwei Teile, damit ein armer Mann im Schnee nicht mehr frieren musste…

St. Martin ist klasse

Um dieses Datum herum gibt es in vielen Regionen Deutschlands einen Martinsumzug. Dazu gehört Blasmusik und ein „Martin auf einem weißen Pferd“. Das ist interessanterweise häufig ein Mitglied des lokalen Karnevalsvereins, der im Kostüm eines Ritters, natürlich mit Umhang, vorneweg reitet. Hinter ihm laufen alle Kinder der Gemeinde mit ihren selbstgebastelten Laternen. Meist ist dies das Schulprojekt für das Winterhalbjahr.

Alle gehen singend, von der Musik begleitet zur Stelle, wo das Martinsfeuer entzündet wird. Danach dürfen die Kinder dann mit ihren Laternen von Haus zu Haus gehen und singen die Martinslieder vor den Haustüren. Dafür erhalten sie dann Süßigkeiten – d.h. im Prinzip geht’s ums miteinander Teilen von Musik und Süßem… Wir haben bei uns zuhause anlässlich dessen öfters Zuckerrüben ausgehöhlt, die wir selbst auf dem Feld gesammelt haben (Stehlen ist vielleicht ein zu starkes Wort für drei Rüben…) Das geht zwar nicht so leicht, wie bei einem Kürbis, aber sieht mit einem Teelicht auch phantastisch aus, besonders wenn man die Wurzeln ein bißchen mit aushöhlt.

Lokale Traditionen

Allerdings gibt es auch ein paar Wesen, die das mit dem Teilen an St. Martin nicht so prickelnd finden. Zum einen werden die Weckmänner verteilt. Das ist ein süßes Hefegebäck in Form eines Männchens mit einer kleinen Tonpfeife. Keiner weiß so genau, warum eigentlich. Außer dass die Pfeife es einfacher macht, ihn als Männchen zu identifizieren… Sie werden dann oft unter brutalem Kopf abreißen und Rosinenaugen rausbohren genussvoll verspeist. Besonders lecker sind si mit Butter und Zimt… Und die sogenannten Martinsgänse werden dann auch geschlachtet und finden in Begleitung von Semmelknödeln und Rotkohl ihren Weg ins menschliche Verdauungssystem.

Aber hey, die Amis feiern ihr Erntedankfest, ihr Thanksgiving auch mit lauter schönen Bräuchen – die eben zu Lasten der Truthähne gehen.

Warum wir uns gerne gruseln

Die Popularität von Horrorfilmen zu ergründen, war mir mal so wichtig, dass ich zu Unizeiten eine Hausarbeit für die Uni über „Die Freuden der Angst“ geschrieben habe. Bis heute gilt, dass interessanterweise sind in den meisten bisherigen Horrorfilmen die Genderrollen klar verteilt sind: eine Frau ist das Opfer, ein Mann ist der Täter, der andere der Retter…

Es ist also…genau genommen…eine Ableitung des alten Themas der „Jungfrau in Nöten, die von einem Drachen bedroht und von einem Helden gerettet wird.“

Je böser der Drache, umso heldenhafter erscheint der Retter… Und u.a. ist es eine erwiesene Tatsache, dass junge Männer zwischen 16 und 25 ihre Dates gerne in einen Horrorfilm ausführen…denn dann kann besagtes Date sich in den heiklen Momenten an seine starken Schultern lehnen…oder seine Hand ergreifen. Dafür gibt’s sogar eine Fachbezeichnung – nämlich: „Snuggle theory of Horror“ – die Kuscheltheorie von Horror, die sogar Ovid schon angesichts der blutrünstigen Gladiatorenkämpfe bemerkte, bei denen sich geängstigten Damen die Gegenwart eines starken Mannes ersehnen…und sich ihm öffnen…bis hin zu sexuellen Privilegien.

Und natürlich ist das Ansehen von Horror aus dem kuscheligen Kinositz bzw. Sofa höchst komfortabel, weiß man doch im Allgemeinen, dass das eigene Leben so viel friedvoller ist… Wenn man denn die erste nachwirkende Paranoia beim alleine Duschen oder in der nächtlichen Tiefgarage überwunden hat.

Echtes und gespieltes Grauen

Wenn wir einen Film sehen – und das gilt auch für jeden Horrorfilm, kann unser Gehirn nicht unterscheiden, zwischen eigener Erfahrung und dem Erleben eines Films: also ängstigen wir uns mit den Helden und krallen die Finger in den Kinositz…oder in den Arm unserer Begleitung… Um dann am Ende doch – erlösend – zu begreifen: alles nur Spiel, alles vorbei – war nur ein Film… Aber wir haben tiefe, z.T. auch unbewusste Ängste fühlen dürfen und sie vielleicht dadurch auch verarbeitet – wir sind dann dankbarer für das eigene aktuelle Leben. Das ist meist – hoffentlich – weit weniger bedrohlich…und vielleicht auch dadurch manchmal etwas öde. Aber der nächste Gruselfilm kommt bestimmt!

Gruseln ist außerdem für manche ein geradezu erotisierendes Lusterlebnis. Bekanntermaßen haben ja auch Vampire eine erotische Dimension…wenn die weißen Zähne in den zarten Hals eines unschuldigen Opfers eindringen und das rote Blut glühend tropft…

Insofern macht die Kostümierung als Skelett, Vampir, Monster aller Arten total Sinn – und es ist auch – zumindest ein bißchen – im Einklang mit dem Ursprung von Halloween, nämlich der Nacht vor Allerheiligen (englisch „All-Hallos‘ Eve“ -> Halloween), dem 1. November. Das ist nach keltischer Tradition auch das Samhainfest und läutet den Beginn des Winters ein…und der Schleier zwischen den Welten ist dünn und man muss alle unguten Geister, die dann auch herum schwirren tüchtig erschrecken.

Humor gehört auch dazu

Hübsch dazu auch das heutige Bild eines deutschen Friedhofstors auf dem das schöne Schild angebracht ist. „An Halloween wegen Betriebsausflug geschlossen!“

Und die Verkleidungskünste an Halloween sind beachtlich – es ist unglaublich, was man mit Make-up, Kunstblut und viel Geduld alles für Eindrücke erzeugen kann.

Was ich allerdings unter dieser Prämisse nicht verstehe, ist warum sich dann zu Halloween so viele – besonders in Amerika und natürlich Kinder – als ihre Lieblingsfigur verkleiden

Amerikanische Freunde haben mehrfach versucht, mir das zu erklären, dass es eben auch ein Tag ist, an dem man mal jemand anders sein kann… Aber haben wir dafür nicht Karneval? Bzw. die mitteleuropäische Fasnacht? Da haben wir uns immer als unsere Traum- oder Alptraumfiguren verkleidet. Ich war meistens Miss Piggy…

Aber wenn doch das Wesen von Halloween im Erschrecken und Vergraulen der bösen Geister liegt, dann ist doch ein Prinzessinnenkostüm kaum dazu angetan, oder? Ich glaube, so mancher Drache mag davon eher angetörnt sein… Andererseits… wenn man sich die schiere Maße an kleinen bunten Tüllbündeln vorstellt, kann das auch gruselig sein. Und ich bin nicht die einzige, die so denkt. Mir gefiel ein heutiger amerikanischer Facebookpost mit einer kleinen Elsa (Einer Heldin aus „Die Eiskönigin“ – ihre Popularität war mir einen eigenen Blogartikel wert.) und der Anregung: jedes Mal, wenn eine Elsa vor der eigenen Haustür steht einen Schnaps zu trinken…

Eine Idee

Liebe amerikanische Freunde:

Euer dicke rote Weihnachtsmann mit dem weißen Rauschebart hat längst die „Weihnachtshegemonie“. Dabei ist er eine kommerzielle Erfindung von Coca Cola aus den 20er Jahren – deswegen die Farben – und wurzelt in der Tradition des Heiligen Nikolaus, der aber eigentlich am 6. Dezember gefeiert wird… Euer Santa Claus hat unser Christkind verdrängt – denn wir Europäer feiern ja eigentlich an Weihnachten die Geburt des heiligen Jesus Christus… Ursprünglich kam bei uns immer das Christkind und hat die Geschenke heimlich und unsichtbar unter den Baum gelegt. Übrigens erst am Heiligen Abend, dem 24. Dezember und nicht, wie ich es auch schon erlebt habe, die ganze Adventszeit über bis sie am 25. erst ausgepackt werden dürfen… Eigentlich mag ich das, wenn sich die Geschenke unterm Baum ansammeln, aber das ist natürlich Folter für die Kinder.

Aber weil es so viele amerikanische Filme und Fernsehserien gibt, in denen natürlich auch Eure Feste gefeiert werden, ist es auf die Dauer schwer durch diese Übermacht in den Medien, die ursprünglichen Ortstraditionen aufrecht zu erhalten.

Also wird es Zeit, dass Ihr im Austausch auch einiges annehmt… Überhaupt könnte man doch auch gute Traditionen austauschen und nicht nur diesen ewige Einbahnstraßen-Kommerzzirkus von Halloween und wo wir schon dabei sind, Valentinstag… Aber dazu vielleicht ein andermal mehr…

Echter Kulturaustausch!

Wir feiern brav weiter Halloween und ziehen Eure dämlichen Hexenhüte auf… dafür fangt Ihr an Laternen zu basteln und bedichtet und besingt das Teilen, die Güte und Großzügigkeit.

Wir feiern ab sofort auch Thanksgiving, auch wenn wir keine Ureinwohner haben, mit deren (Ess)kultur wir würdigen müssten, dafür übt Ihr Euch in vernünftigem Karneval – nicht unbedingt den Teil mit dem Umzug – Paraden habt ihr längst mehr als wir, aber karnevalistische Ordensverleihungen zur Würdigung eines hervorragenden Sinns für Humor und Prunksitzungen… bei denen das politische Geschehen humorvoll aufgearbeitet wird können nachhaltiger sein, als Eure täglichen Late-Night-Sketche…

Und an allen Orten dürfen alle künftig die Wahl haben, was genau sie feiern. Ich stelle mir da so kleine Plaketten an den Haustüren vor, an denen zu erkennen ist, welcher Haushalt welche Vorlieben hat. Jede Plakette zeigt ein kleines Icon, das die Gesinnung zum Ausdruck bringt.

Wer alle hat, den interessiert alles, wer keine hat, den gar nix – da wird dann auch nie aus Feiergründen geklingelt!

Aber wer bei was wie mitmachen will, kann das ja – in dem Maße, in dem es ihn reizt – zum Ausdruck bringen:

Moderate Halloweenfans haben nur die Plakette mit dem Kürbis-Icon. Stärker engagierte können sich einen ausgehöhlten Kürbis vor die Tür stellen und sich selbst verkleiden…

Moderate Weihnachtsfans haben nur eine Plakette mit einem Tannenbaum-Icon. Stärker engagierte können ihren Garten mit Lichterketten etc. schmücken…

Moderate St. Martin Fans haben nur die Plakette mit dem Weckmann, stärker engagierte können sich Laternen ins Gebüsch hängen…

Für Thanksgiving eine Truthahnplakette, für Chanukkah einen kleinen neunarmigen Leuchter, für das islamische Zuckerfest eine Mondsichel usw. usf.

Diese Ideen bleibt wohl ein Traum und wird kaum je in der Wirklichkeit in dieser Form umgesetzt – obwohl es natürlich auch neuzeitlichere Varianten gibt: z.B. einen Eintrag bei Google-Earth, bei welcher Adresse man zu welchem Anlass erscheinen darf…

… aber auch das scheint Sciencefiction… und gibt damit der Phantasie Raum, in der schöne Traditionen sich über das Lokale hinaus global verbreiten… Der Halloweenkürbis und der dicke rote Weihnachtsmann haben’s vorgemacht… jetzt ist die Martinslaterne und die Narrenkappe dran!

…Und trotzdem allen ein fröhliches Halloween!

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