Silhouette drei Kamele und Palmen im Sonnenuntergang

Die Gaben der drei Könige

1920 1440 Elisabeth Karsten

Als Jesus, der Christus geboren worden war, stand über seinem Geburtsort in Israel ein ungewöhnlich heller Stern. Er war so hell und strahlend, dass man ihn auch an anderen Orten der Welt deutlich am Himmel erkennen konnte und selbst Könige nahmen ihn wahr.

König Balthasar entdeckt den Stern

Auch im fernen Afrika:  Der junge König Balthasar stand mit einem Fernrohr auf dem Dach seines Palastes in Saba, heute Äthiopien, und schaute schon eine ganze Weile nach Norden, weil dort seit wenigen Tagen ein besonders heller Stern leuchtete. Weil Balthasar nicht nur König, sondern auch ein Magier und für sein Alter schon sehr weise war, ahnte er, dass es mit dem Stern etwas Besonderes auf sich haben musste. Er vergrub sich in seine astrologischen Schriften und schließlich wusste er, dass ein besonderes Kind geboren worden war – eines, das die Gabe hatte, alle Menschen an ihre persönliche Göttlichkeit zu erinnern. Denn dieses neue Menschenkind wusste um seine eigene Göttlichkeit. König Balthasar spürte, wie es ihm ganz warm ums Herz wurde – wahrlich, das Neugeborene musste ein ganz außergewöhnlicher Mensch sein! Einer, wie ihn die Welt bisher noch nicht erlebt hatte. Er rief seine Diener, ein Schiff für ihn bereit zu machen, denn am Morgen wolle er nach Norden segeln, dorthin wo der Stern stand und er würde dem Kind ein Geschenk machen, das seiner würdig war!

König Melchior entdeckt den Stern

Eines Abends als er schlafen gehen wollte fiel auch dem alten König Melchior in Europa ein besonders helles Licht auf. Zuerst dachte er, es sei der Mond, der ihn nicht schlafen ließ. Aber tatsächlich war es ein Stern, der heller als alle anderen im Osten leuchtete. Da erinnerte er sich an die alte Prophezeiung aus seiner Jugend, in der es geheißen hatte, dass eines Tages ein besonders strahlender Stern aufgehen und die Geburt eines außergewöhnlichen Kindes ankündigen würde: eines Kindes, das die Gabe hatte, die Wunden aller zu heilen, die sich ihm öffneten – egal ob es Wunden der Seele, des Geistes oder des Körpers waren. Melchior seufzte sehnsüchtig – so oft hatte er davon geträumt, das Leiden der Menschen zu lindern. Aber selbst die Mittel eines Königs waren begrenzt. Je länger Melchior auf den Stern blickte, umso klarer wurde sein Entschluss: er wollte dem Kind die Ehre erweisen – und wenn es das letzte war, was sein alter Körper ihm erlaubte. Denn er war zwar alt, aber noch kerngesund. Und da das Kind noch zu seinen Lebzeiten geboren war, befand er, er könne keinen Stellvertreter zu diesem wunderbaren neuen Menschen schicken. Er wollte das Kind mit der besonderen Heilbegabung selbst sehen – auch wenn es noch sehr klein war und schrie und in die Windeln machte. König Melchior rief seine Diener: sie sollten alles für eine Reise nach Osten bereit machen. Dann begann Melchior zu grübeln: was für ein Geschenk gebührte einem solchen neuen Erdenbürger?

König Caspar entdeckt den Stern

Auch im Orient hatte man den besonders leuchtenden Stern entdeckt. In der Sternwarte von Susa in Persien, heute Iran, stritten sich nach Sonnenuntergang zwei Astrologen, weil keiner von beiden eine Erklärung dafür fand. Das neue Himmelslicht im Westen passte in keines der Sternbilder und schon gar nicht in diese Jahreszeit. Schließlich kam die Sache König Caspar zu Ohren und er begab sich in die Sternwarte. Tatsächlich, im Westen stand deutlich ein großer Stern am Himmel – heller und strahlender als alle anderen. Er war sogar mit bloßem Auge zu erkennen. Doch Caspar wollte sich einen genaueren Eindruck verschaffen und betrachtete den Stern auch noch durch das große Fernrohr. Die Astrologen schwiegen höflich, denn Caspar war selbst ein erfahrener Sterndeuter. Als er schließlich wieder zu seinen Astrologen blickte, hatte er Tränen der Rührung in den Augen und erklärte, dass dieser Stern kein gewöhnlicher Stern sei, sondern ein himmlischer Hinweis auf die Geburt eines wahrlich himmlischen Wesens! Dieses Kind, das jetzt geboren war, so könne man es ebenfalls in den Sternen lesen, hatte die besondere Gabe, das Gold in den Herzen der Menschen zutage zu fördern, wie die Erzgräber das heilige Metall aus den Tiefen der Erde. Diesem Kind einmal zu begegnen war sicher das ehrenvollste, was einem Menschen im Leben widerfahren konnte. Die Astrologen sahen ihren König staunend an. Noch nie hatten sie ihn so über einen anderen Menschen sprechen hören. Schließlich sagte einer von ihnen: „Dann muss das neue Kind auch ein Prinz sein – denn mit einer solchen Gabe muss ein Mensch König werden!“ Caspar schüttelte den Kopf: „In unserer Welt zählen äußere Reichtümer noch immer mehr, als die innere Fülle. Aber eines Tages wird sich dies ändern! Und vielleicht ist es dieses Kind, das dies einst möglich machen wird. Ich will zu ihm reisen und ihm meine Aufwartung machen!“ Und so geschah es, dass auch Caspar seine Diener rief, seine Reise vorzubereiten. Dann ging er in die Schatzkammer um ein angemessenes Geschenk für dieses heilige Kind zu finden.

Die Könige begeben sich auf die Reise

Das Schiff aus Saba landete im Süden von Israel und Balthasar stellte fest, dass er durch die Wüste würde reisen müssen, um zu dem neugeborenen Kind zu gelangen. Er beschloss alleine auf seinem Kamel zu reiten und nur das Notwendigste mitzunehmen: er wollte seinen Leuten die beschwerliche Reise nicht zumuten und auch dem Kind nicht die vielen fremden Menschen. Er selbst würde nur kurz bei den Eltern vorbei schauen, seine Gabe überbringen, das Kind segnen und wieder zurückkehren.

Als sein Schiff im Norden von Israel anlegte, entschied auch Melchior ohne seinen Hofstaat weiter zu reisen – er fühlte sich zu alt, um ständig durch die Belange seiner Diener und seiner Familie aufgehalten zu werden. Er wollte zügig vorankommen: denn wer wusste schon, wie viel Zeit er noch hatte? Seine gehorsamen Diener bepackten sein Kamel und auch er begab sich auf die Reise durch die Wüste.

Caspar erreichte ebenfalls kurz darauf die Ostgrenze von Israel und beschloss, seinen Hofstaat hinter sich zu lassen und alleine auf seinem Kamel weiter zu reisen. Das Kind war die Hauptsache und er wollte nicht unnötig Aufsehen erregen, nur weil er ein König war!

Die drei Könige begegnen sich

Alle drei ritten besonders gerne nachts. Denn zum einen war es kühler als in der Hitze des Tages. Zum anderen war der Stern besser zu erkennen und der Weg leichter zu finden. Als Balthasar schon eine ganze Weile unterwegs war, vernahm er eines Nachts ungewöhnliche Geräusche von Osten. Er ritt langsamer, denn womöglich drohte Gefahr. Caspar verlangsamte sein Kamel ebenfalls: ihm schien es, als ob aus der Ferne jemand ausgerechnet auf ihn zuritt. Als die beiden Könige auf ihren Kamelen schließlich voreinander standen und trotz der Dunkelheit ihre edle Kleidung und Vornehmheit erkannten, begannen sie ein Gespräch. Balthasar sagte, er müsse einen besonderen Geburtstagsbesuch machen, er kenne das Kind zwar noch nicht, aber der Stern weise den Weg. Caspar nickte: auch er war unterwegs, um einem besonderen Kind zu begegnen und auch er folge dem Stern. Und jetzt sei er ganz sicher, dass dies die richtige Entscheidung gewesen sei. Denn wenn auch der König von Saba sich dazu entschlossen hatte, dann musste seine Deutung des Sterns stimmen! Die beiden Könige ritten gemeinsam durch die Nacht, bis der Morgen graute. Als sie eine der seltenen Wasserstellen entdeckten beschlossen sie, eine Rast einzulegen.

An der Wasserstelle sahen sie bereits ein drittes Kamel an einer Palme angebunden und den Herrn dazu im Sand gebettet. Auch dieser Mann war vornehm gekleidet und schnarchte so laut, dass es jedem Großvater zur Ehre gereicht hätte. Caspar und Balthasar legten sich leise in seine Nähe und beschlossen, erst wenn sie wieder aufgewacht waren, den alten Herrn anzusprechen und herauszufinden, was ihn hierher geführt hatte. Ob er wohl auch dem Stern gefolgt war?

Als Melchior aufwachte staunte er nicht schlecht über die beiden königlichen Begleiter: ohne Diener hatte einer von ihnen bereits ein kleines Feuer gemacht, während der andere einen köstlich duftenden Tee zubereitete. Schließlich ließen sich die drei Herrscher im Schatten eines Felsens nieder, teilten ihr gewürztes Fladenbrot, sowie Nüsse, getrocknete Datteln und Feigen und tauschten sich aus. Caspar und Balthasar erfuhren, dass auch Melchior König eines fernen Landes war und dem Stern folgend, nach Israel gereist war, um dem göttlichen Kind seine Aufwartung zu machen. Alle drei freuten sich, dass sie einander getroffen hatten. Jetzt konnten sie zusammen weiter reisen, dem heiligen Kind gemeinsam ihren königlichen Besuch abstatten und ihm ihre drei Geschenke übergeben.

Die drei Könige tauschen sich aus

Natürlich wollte nun jeder von den anderen wissen, was für eine besondere Gabe er für dieses außergewöhnlich begabte Kind gewählt hatte. Balthasar ging als erstes zu seinem Gepäck, holte ein edel besticktes Säckchen heraus und öffnete es behutsam. Heraus kam etwas, das aussah, wie kleine gelbe Bonbons. Während die anderen sie sorgfältig betrachteten und daran rochen, erklärte er: „Das ist Harz vom edelsten Weihrauchbaum, der bei uns wächst. Weihrauch verhindert Entzündungen und wirkt schmerzlindernd. Wenn man mit Weihrauch räuchert, entsteht ein Geruch, den wir „Duft der Götter“ nennen. Es ist eine höchst seltene und wertvolle Substanz und nur wer das Göttliche in sich hervorzubringen vermag, darf es benutzen. Ich möchte dem göttlichen Kind davon schenken, damit es seine Gesundheit schützen und immer daran riechen kann, wenn es vielleicht einmal an seiner eigenen Göttlichkeit zweifelt!“ Die beiden anderen Könige nickten zustimmend. „Eine gute Gabe!“ fügte Melchior hinzu und reichte den beiden anderen eine fein ziselierte Dose mit etwas, das wie braun-graue Steinchen aussah und ebenfalls stark duftete: „Auch ich habe ein Harz für das Kind im Gepäck. Es ist das Harz der feinsten Myrrhe, die ich finden konnte. Als Tinktur kann Myrrhe das Fieber senken und viele Leiden lindern. Seien sie innerlich oder äußerlich, seelisch oder körperlich. Es heißt das Kind wird einst die Leiden aller heilen können. Aber was ist mit seinen eigenen Leiden – habe ich mich gefragt und dachte, diese Myrrhe wird ihm selbst einen guten Dienst erweisen können!“ Caspar und Balthasar nickten beifällig. Dann holte Caspar eine exquisit geschnitzte Schatulle hervor und ließ die beiden anderen hinein blicken. Sie enthielt das leuchtendste Gold, das sie je gesehen hatten und da sie Könige waren, hatten sie in ihrem Leben schon viel Gold gesehen. Caspar erklärte: „Das ist das reinste Gold, das wir in Persien haben – es kommt aus dem Herzen der Erde und ist unser kostbarstes Erz. Es kann eine ganz besondere Kraft für den Körper, den Geist und auch die Seele entfalten, je nachdem, wie man es anwendet. Ich möchte dem heiligen Kind dieses Gold schenken, damit es nie vergisst, dass auch in den Herzen eines jeden Menschen Gold zu finden ist – selbst, wenn man manchmal lange und tief graben muss, um es zu finden. Balthasar und Melchior nickten und lachten. Voller Freude schlugen sich die drei Könige gegenseitig auf die Schulter und waren sich einig: „Unsere drei Gaben sind eines göttlichen Kindes wahrhaft würdig: Weihrauch, Myrrhe und Gold!“

 © 2013 Elisabeth Karsten