verschiedene Schuhe im Kreis

Circling – weit mehr als Spaß

1280 1250 Elisabeth Karsten

Begeistert berichtete mir mein Physiotherapeut von seiner jüngsten Teilnahme an einem Circling Kurs während er meinen Knöchel bearbeitete. Er beschrieb verschrobene Gruppendynamiken, irrläufige Diskussionen und merkwürdige Gesprächsinhalte. Schließlich endete seine Schilderung mit einem sehnsüchtigen Seufzer und den Worten: „Circling ist wunderbar und manchmal furchtbar.“

Ich hatte absolut nichts von dem begriffen, was er erzählt hatte. Aber seine Begeisterung und die Schlussbemerkung weckten meine Neugier. Als ich ein paar Wochen später via Facebook zu einem Circling Wochenende in Berlin eingeladen wurde, meldete ich mich an.

Ein Sprung ins kalte Circling Wasser

Die beiden Facilitatoren der Veranstaltung, Jan Holzhauer und Romeck van Zeijl, wählten als Vermittlungsstil jede Menge praktische Übungen. Ich erkannte bald, warum: Circling lässt sich so wenig erklären, wie Schwimmen in der Wüste. Man muss dafür im Wasser sein und es selbst erleben, um es zu begreifen. Die Theorie und verbale Erläuterung der fünf Hauptprinzipien helfen nur wenig. Erst in der praktischen Anwendung entfalten sie ihr Potential. Ungeahnte Gefühle und Erkenntnisse werden freigesetzt.

Anfänglich strengte mich die ungewohnte Art der Gesprächsführung an. Ich bin gemeinhin stolz auf meine schnelle Auffassungsgabe, Dinge präzise ausdrücken zu können und dabei oft noch witzig zu sein. Doch mit all dem scheiterte ich. Auch mit meiner Neigung, Empfehlungen und Lösungsvorschläge anzubieten, lief ich auf Grundeis. Es ging um völlig anderes.

Circling beinhaltet bisher unübliche Kommunikationsprinzipien

Die britischen Gründer der Organisation „Circling Europe“ John Thompson und Sean Wilkinson haben fünf Circling-Prinzipien ermittelt. Allmählich begann ich, sie zu begreifen und zu verinnerlichen:

Commitment to connection

Ich übersetze das salopp mit: Verbindung ist wichtiger als Inhalt. Damit entfallen alle Machtspiele – denn die sind eigentlich auf Trennung ausgerichtet.

Owning your experience

Für mich bedeutet das: jeder ist verantwortlich für seine eigene Wahrnehmung – alles andere ist Mutmaßung oder Interpretation.

Staying with the Level of Sensation

Bei dem bleiben, was gerade geschieht, vor allem physisch, emotional und dann erst mental.

Trusting Experience

Dabei geht es darum, der Erfahrung dessen, was gerade geschieht zu vertrauen. Auch wenn man Dinge wahrnimmt, die der Verstand als irrig abtun würde. Doch dies kann der Wegweiser zu größerem sein.

Being with the Other in Their World

Das heißt, dem anderen in seine Welt zu folgen. Dies bedeutet für mich, dem anderen so vorurteilsfrei, wie möglich zu begegnen und nichts ändern zu wollen, sondern sich dem zu widmen, was gerade geschehen will.

Und für mich gehört noch dazu, so präsent zu sein, wie möglich. Denn wenn man nicht hundertprozentig bei der Sache ist, verpasst man kleinste Impulse und manchmal geschieht die größte Bewegung während gemeinsamen Schweigens, doch bei maximalem Gewahrsein.

Ich stellte mit Erstaunen fest, dass Circling nicht nur eine andere Möglichkeit zu kommunizieren beinhaltet, sondern auch eine andere Seinsform.

Beim Circling ist der Augenblick wichtiger als das Ego der Gesprächspartner

Verblüfft bemerkte ich, dass bei Circling das Gegenteil von dem geschieht, was bei den meisten Alltagsgesprächen üblich ist. Beim Circling sagt man, was man meint und sagt, was mein meint. So ehrlich und achtsam wie möglich. Dabei geht es nie um die Geschichten drum herum. Auch nicht um die Erklärungen dafür, warum man meint sich so zu fühlen, wie man sich fühlt. Es interessiert auch nicht, was möglicherweise dazu geführt hat oder wie es gewandelt werden kann. Allein das Gefühl zu benennen und es zu erfahren ist wichtig. Ausgangspunkt ist in der Regel der Ausdruck einer körperlichen Empfindung, dem schließlich ein Gefühl und dann auch ein Gedanke zugeordnet werden.

Wandlung geschieht durch das bewusste Erleben in Gegenwart eines Zeugen

Je wahrhaftiger dies praktiziert wird, umso schneller und nachhaltiger. Es geht also keineswegs darum, zum Geschilderten Stellung zu beziehen und eine Interpretation oder Lösung anzubieten. Es geht lediglich darum, was man durch die geschilderte Erfahrung des anderen selbst erlebt. So wird man sich gegenseitig Zeuge des Erlebens. Die akut gemeinsam erlebte Wahrheit hat eine befreiende Wirkung.

Der Augenblick selbst ist Trumpf. Was geschieht jetzt? Bei dir, bei mir, bei uns? Was will sich zeigen, was will gesehen werden, was will von uns gemeinsam gewoben werden bzw. durch uns? Dabei sind die Räume zwischen den gesprochenen Sätzen oft die Gehaltvollsten.

Circling ist heilsam und heilig zugleich

Circling ist im Grunde nicht prozessorientiert und doch geschieht unglaublich viel. Außerdem sind die Prinzipien keine Regeln, eher Orientierungshilfen. Doch wenn man diese beachtet, kann in sehr kurzer Zeit ein sehr starkes Vertrauen, geradezu Intimität entstehen. Im gemeinsamen Bestreben, so authentisch, wie möglich zu sein, darf alles sein – so lange man sich dessen bewusst ist.

Nach meiner bisherigen Erfahrung kommt man dabei im besten Sinne dem eigenen Wesen und auch dem der Gesprächspartner näher. Das kann sehr berührend und nährend sein. Gelegentlich offenbart sich dabei eine schier heilige Qualität. Man kann einander in aller Unschuld und Verletzlichkeit wahrhaft begegnen.

Zu meinem Bedauern gab es keine Möglichkeit, das in Berlin fortzusetzen, also entschied ich mich zur Teilnahme an einem Onlinekurs bei Circling Europe.

Circling funktioniert auch im virtuellen Raum

Zunächst war ich misstrauisch, ob im virtuellen Raum mit der gleichen Geschwindigkeit eine solch intensive Vertrauensbasis geschaffen werden könnte. Doch die Bereitschaft der Teilnehmer, sowie die behutsame Führung durch Marysia Pstrokonska und Philipp Watson machten es möglich. Dabei empfand ich ihre Demonstrationen des Circlings miteinander weit mehr hilfreich, als ihre Übungsanleitungen.

Zwei Kernformate beim Circling

Dabei gibt es vor allem zwei Kernpraktiken. Das eine ist der sogenannte „Birthday-Circle“. Dabei steht man im Zentrum der Aufmerksamkeit aller anderen Gruppenmitglieder und wird also von mehreren reflektiert. Das andere ist die „Aufgabe von Führung“ (Surrendered Leadership) in dem die Gesprächsführung immer bei dem jeweilig sprechenden liegt.

Das erinnert ein bißchen an die Redepraxis aus Männergruppen, die wiederum indigenen Kulturen entstammt. D.h. dass immer der, der etwas sagen will, den Redestab in die Hand nimmt. Aber beim Circling gibt es keinen Redestab. Das ist etwa wie in einer unbekannten Großstadt bei viel Verkehr ohne Navi oder Stadtplan den botanischen Garten finden zu müssen… Es schult Wahrnehmung, Intuition, Achtsamkeit und auch Geduld und Humor ganz ungemein!

Circling außerhalb des Circling

Wer dadurch gestählt wurde, findet dann auch Freude an dem bei geübten Circlern so beliebten „Guerilla-Circling“. D.h. man wendet die Gesprächsprinzipien an, ohne, dass die anderen Gesprächspartner das wissen. Das kann dann schon mal zu so einem merkwürdigen Austausch führen, wie: „Sorry, dass ich zu spät bin, mir hat jemand vor der Nase den Parkplatz weggeschnappt.“ „Wenn ich dich das sagen höre, juckt es mich in meinem linken Knie, ein warmes Gefühl steigt aus meinem Bauch auf, meine Brust weitet sich und ich fühle mich dir näher.“

Circling ist unfassbar stimulierend

Tatsächlich kann Circling süchtig machen. Durch die Unmittelbarkeit, die gewöhnlich wohlwollende Aufmerksamkeit eines anderen, die Wahrhaftigkeit im Ausdruck und die enorme Intimität die dabei entstehen kann. Oftmals ist eine Vertrautheit und Intimität spürbar, die man sonst nur mit guten Freunden oder einem Partner erlebt.

Den Fokus so bewusst auf die im Miteinander entstehenden Körpersensationen und Gefühle zu lenken, aktiviert auch öfter den Eros. Nicht unbedingt immer, weil tatsächlich eine sexuelle Anziehung zwischen den Gesprächspartnern besteht, sondern vielmehr weil gutes Circling selbst ein schöpferischer Akt ist. Durch das bewusste Miteinander kann etwas völlig Neues entstehen und die Beteiligten sind entsprechend gewandelt.

Circling ist inzwischen ein weltweiter Trend

Wie manchmal, wenn etwa Neues in die Welt drängt, hat die „Circling Muse“ mitte der 90er Jahre Menschen an unterschiedlichen Orten der USA geküsst. Anfänglich in San Francisco und Missouri, dann sprang der Funke 2011 nach Colorado über, dann nach Texas und inzwischen verbreitet es sich immer weiter.

Selbst der Begriff Circling kann nicht nur einem Erfinder zugeschrieben werden. Zumal er auch von den verschiedenen Circlern unterschiedlich definiert wird. Die Entstehungsgeschichte ist insgesamt etwas unübersichtlich. Denn die verschiedenen Anwender haben sich gegenseitig beeinflusst und beziehen Inspirationen aus den gleichen, aber eben auch aus verschiedenen Quellen. Grob kann an sagen, dass „Circling“ und die „Authentic Relating Games“ seit knapp zwanzig Jahren eine selbstständige Gestalt entwickeln und die verschiedenen Anbieter ihre jeweils eigenen Formen prägen.

Circling beinhaltet das Streben nach gelebter Authentizität

Zu den wichtigen Einflüssen des Circling gehören Gemeinschaftserlebnisse bei Burning Man, die Praxis amerikanischer Männergruppen, und wiederum die Prägungen dieser, etwa durch die Gesprächskultur bei den Powwos der US Indianer, die Encountergruppenkultur der sechziger Jahre und der moderneren, gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Außerdem unendlich viel Praxiserfahrungen – bisher offenbar immer von einem „Basis-Duo“ ausgehend.

Das gilt auch für die beiden schon erwähnten Engländer. John Thompson und Sean Wilkinson entdeckten Circling 2002. Sie betrieben damals eine Tennis-Akademie und übten 24 Stunden am Tag miteinander. Ihre gemeinsame Begeisterung für die Integral Theorie Wilbers, dessen Lehre wiederum die Circlingformate in Boulder beeinflusst hatte, floss dabei massiv in die Entwicklung ihres Formats mit ein. 2012 gründeten sie schließlich Circling Europe mit Sitz in Amsterdam. Dort bieten sie verschiedene Onlinekurse an. Und unter der Rubrik Circling Anywhere auch die Möglichkeit – wenn man will – rund um die Uhr zu circlen, dank der Angebote in verschiedenen Zeitzonen und Ländern. Einzige Voraussetzung ist, Englisch zu können und das Zahlen einer monatlichen Gebühr von 50 US$.

Ein wunderbarer Begleiteffekt ist, dass es inzwischen an vielen Orten in über 20 Ländern aktive Circler gibt. In der Regel sind ihre Veranstaltungen offen zugänglich sind. D.h. es ist so ein bisschen wie eine internationale Fitnesskette – für die Seele. Und wenn es physisch nicht geht, kann man immer auf die virtuelle Alternative ausweichen. Auch dort können langfristige Kontakte und Freundschaften entstehen.

Circling hat enormes Zukunftspotential

Ich glaube, Circling hat ein enormes Potential, das noch lange nicht ausgereizt ist. Die große Anzahl an interessierten Circlern allein auf der CE-Plattform, das reichhaltige und genutzte Kursangebot, sowie die internationale Popularität zeigen, dass der Bedarf stetig wächst. In nur vier Jahren hat sich Circling Europe auf 20 Länder ausgedehnt.

Vielleicht führt es langfristig auch zu einem dauerhaften Wandel unseres Kommunikationsverhaltens insgesamt – unabhängig von Herkunft, Alter, Ausbildungsgrad und Status. Hauptsache man spricht eine gemeinsame Sprache, orientiert sich an den Circling Prinzipien und hat den Mut, sich so ehrlich zu zeigen, wie man kann. Und so verrückt es scheint: ausgerechnet mit Hilfe des ausgesprochen virtuellen Mediums Internet wird eine Rückkehr zur eigenen Wahrheit und ihren Ausdruck erlebbar – wenn man es möchte.

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