Die unsichtbare Magie der Tradition

1920 1280 Elisabeth Karsten

Ich war dieses Jahr Ende April/Anfang Mai in Bonn und wurde eines Nachts durch eigentümlichen Lärm geweckt. Neugierig schlich ich ans Fenster und beobachtete, wie junge Männer gemeinsam einen Maibaum am Haus gegenüber aufstellten. Komplett mit bunten Bändern aus Krepppapier und einem roten Herz auf dem der Name der jungen Nachbarstochter stand.

Ein Maibaum ist  eine Art Gigablumenstrauß

Im Rheinland ist es seit ewigen Zeiten Brauch, dass junge ledige Männer ihrer unverheirateten Angebeteten in der Nacht vom zum 1. Mai eine geschmückte Birke an ihr Wohnhaus stellen. Früher wurde damit die Liebesverbindung in der Gemeinde öffentlich gemacht und oft die Absicht des Maibaumstellers bekundet, die Empfängerin zu seiner Braut zu machen. Aber das ist im Zeitalter der Emanzipation unbedeutend geworden. Heute ist es ein charmanter Liebesbeweis. Dafür tun sich Gruppen von jungen Männern – oft aus demselben Junggesellenverein – zusammen und helfen sich gegenseitig beim „Liebesmaien“ .

Der Baum bleibt traditionsgemäß bis zum ersten Juni stehen – dann wird er wieder von der gleichen Crew abtransportiert, die ihn aufgestellt hat. Wenn die so geehrte Mädchen ihren „Maibaumsteller“ mag, dann bewirtet sie ihn mit einem Kuchen und die Helfer erhalten einen Kasten Bier – manchmal erhält er auch vom Mädchen einen Kuss, von ihrer Mutter Kuchen und vom Vater einen Kasten Bier… Sie darf sich dann vor dem Abtransport des Baumes eine Scheibe vom Stamm absägen und diese als Souvenir behalten. In einem Schaltjahr ist es übrigens umgekehrt, dann stellen die jungen Frauen Maibäume für ihre Herzbuben auf und manchmal auch verheiratete Männer für ihre Ehefrau.

Mai-Royals

Im Rheinland wird in manchen Gemeinden auch ein Maikönigspaar ermittelt: Junggesellenvereine veranstalten eine Versteigerung, bei der der Mann, der die höchste Summe „Maimark“ für seine Auserwählte anbietet zum Maikönig und die so geehrte die Mainkönigin.

Auch jene Maibäume, die oft mit einem Kranz im Wipfel geschmückt in manchen Gegenden auf Dorfplätzen stehen, sind zentrales Element der Maifeierlichkeiten. Oft sind sie mit langen Bändern geschmückt, die dann bei einem Reigentanz um den Baum zu kunstvollen Mustern verwoben und wieder aufgelöst werden.

 Walpurgisnacht und Beltane

Die Nacht vom 30. April galt im vorchristlichen Nord- und Mitteleuropa als heilig. In dieser Nacht war der „Trennungsschleier zur Anderswelt“ besonders dünn und es war ein leichtes mit der unsichtbaren Welt in Kontakt zu kommen. Aber auch Vorsicht war geboten… denn als sterblicher war es gefährlich dem Zauber zu erliegen, der die Atmosphäre durchdrang… Traditionell ist am 30. April auch die „Hexentanznacht“, in der neben Hexen, auch Geister und Dämonen ihr Unwesen treiben. Dies war sicher schon lange so, bevor der 30. April zum Namenstag von St. Walpurgis wurde, einer britischen Äbtissin des 7. Jahrhunderts.

Auch den alten Kelten war der 1. Mai heilig. Sie feierten dann Beltane und damit den Beginn des Sommers. Sie waren große Anhänger des Zyklischen in der Natur und feierten also auch den 1. November (Samhain), den 1. Februar (Imbolc) und den 1. August (Lughnasadh) mit jahreszeitlich entsprechenden Festen. Noch heute wird in keltisch geprägten Gegenden, wie in England, Beltane unter anderem mit der Wahl einer Maikönigin und Maibaumtänzen gefeiert.

Trampelpfade der Tradition

Doch für diie meisten ist der Ursprung der Rituale unwichtig. Sie folgen einfach den lokalen Trampelpfaden der überlieferten Traditionen, wie sie auch zu Karneval oder in der Adventszeit gelebt werden. Diese Trampelpfade haben offenbar trotz der christlichen „Straßenbegradigung“ – weg von der „Vielgötterei“ hin zum Glauben an den einen (wahren) Gott – überlebt und ihren Platz in lokalem Brauchtum gefunden. Und nicht nur das: sie erfreuen sich wachsender Beliebtheit!

Diese Zunahme an Attraktivität von Maitraditionen ist in Zeiten der „seriellen Monogamie“ und „Dating Apps“ meines Erachtens einer echten Sehnsucht nach einem gesunden Miteinander von Mann und Frau geschuldet, sowie dem bewusst-unbewussten Bedürfnis eine transzendente Dimension der Liebe (und Partnerschaft) zu erfahren.

Mythologisch betrachtet ist es nämlich weit mehr als ein harmloser Jugendbrauch: Psycho-energetisch sind alle Maifeiernden mit all jenen verbunden, die diesen Weg vor ihnen gegangen sind. Dabei ist es zweitrangig, ob der Weg durch den Raum führt – wie z.B. der Wanderweg der Jakobspilger – oder durch die Zeit, wie der Liebesreigen jener, die im Mai in der einen oder anderen Form um die Birke tanzen. Die Birke ist in der nordischen und germanischen Mythologie der heilige Baum der Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Freya. Also feiern alle, die Teilnehmer eines Birkenrituals sind, in gewisser Weise auch die nordische Liebesgöttin und damit besonders die Liebe, die die Voraussetzung für die Schöpfung selbst ist. Das ist magisch.

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